Game over Krauts! 8. Mai 2009 – Demo in Oldenburg

Oldenburg

Der LAK Shalom Niedersachsen unterstützt die Demonstration am 8.Mai in Oldenburg.

weitere Informationen findet ihr auf folgender Seite:

http://demontageol.blogsport.de/

folgend einmal der komplette Aufruf:

Am 8. Mai 1945 kapitulierte Nazi-Deutschland vor den herannahenden Alliierten. Dieses Datum symbolisiert die militärische Zerschlagung des staatlichen Nationalsozialismus.
Am 08. Mai 2009 wollen wir den Opfern des deutschen Wahns gedenken. Wir wollen aber auch auf die Fortexistenz des deutschen Projektes aufmerksam machen und deren endgültige Negation einfordern. Kommt am 08. Mai 2009 zur Demonstration nach Oldenburg.

Vom Mordkollektiv…
Für alle Alliierten und Partisan_innen [1] bedeutete der 08. Mai 1945 die Befreiung von der deutschen Barbarei, für viele Gefangene in den Konzentrationslagern den Tag der endgültigen Befreiung [2] und der Gewissheit dem Tod entkommen zu sein. Doch viele Deutsche fühlten sich nicht befreit, sondern besiegt. Sie hatten sich am Morden an den Fronten beteiligt, in den Konzentrationslagern gemordet, ZwangsarbeiterInnen beschäftigt, linke NachbarInnen denunziert, von Arisierungen profitiert und viele andere Verbrechen begangen, ohne jemals ein Unrechtsbewusstsein zu entwickeln. Sie bildeten die jubelnde Mehrheit der Deutschen, ohne die deren Vernichtungsherrschaft nicht möglich gewesen wäre. Der Kitt für diesen Wahn war die deutsche Ideologie, in ihrer besonders radikalen Ausprägung, der Kapitalismus bot die Möglichkeit die industrielle Vernichtung durchzuführen.

… und seiner Ideologie.
Die deutsche Ideologie [3] fand weder im Nationalsozialismus ihren Anfang noch nach diesem ihr Ende. Vielmehr entstand sie im 19. Jahrhundert in einer klaren Abgrenzung zu den Werten der Aufklärung. Mit dem Entstehen des Kapitalismus wurde ein großer Nationalstaat erforderlich, um der kapitalistischen Produktion, einen Rahmen zu geben. Die Existenz eines großen Nationalstaates erforderte aber auch eine besondere Form der Ideologie.
In Deutschland definierte sich diese vor allem durch eine besondere Form der Verschmelzung von Nation, Staat und Gesellschaft, angereichert durch einen reaktionär-antikapitalistisch aufgeladenen Antisemitismus. All‘ das, was die Deutschen kritisierten, wurde Menschen angelastet, die aus diesem Mord-Kollektiv hinaus dividiert werden konnten. Vor allem jüdische BürgerInnen wurden für die „schlechten“ Eigenschaften des Kapitalismus verantwortlich gemacht; für die „guten“ Errungenschaften waren angeblich die „Deutschen“ [4] zuständig. Ihren Höhepunkt fand dieser Wahn im Nationalsozialismus.
In den Konzentrationslagern wurden mehr als 6 Millionen Jüdinnen und Juden ermordet. Sinti und Roma, Homosexuelle, Antifaschist_innen, so genannte „Behinderte“ und viele Menschen mehr, die nicht in die Ideologie der NationalsozialistInnen passten zählen ebenfalls zu den Opfern des Nationalsozialismus. Millionen zählen zu den Opfern dieser einzigartigen Vernichtungsherrschaft. Dem Vernichtungskrieg der Deutschen fielen mehr als 40 Millionen Menschen zum Opfer. Alleine in der Sowjetunion starben mehr als 15 Millionen Menschen, darunter vor allem Zivilist_innen.

Sie leben weiter…
Nach dem 2. Weltkrieg wurden einige Führungskräfte der NationalsozialistInnen, auf betreiben der Alliierten, aufgrund der Verbrechen, die sie begangen hatten, verurteilt. Doch vor allem in der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland kamen die Deutschen mit einer Verwarnung, die sich „Entnazifizierung“ nannte, davon. Viele konnten dort weitermachen, wo sie 1945 aufgehört hatten. Etwa 90% (!) des staatlichen Personals der Bundesrepublik Deutschland „waren mit dem der Jahre 1933 bis 1945 so lange identisch, bis die Biologie nicht mehr mitspielte“ [5].
So konnten die gleichen Richter und Staatsanwälte Kommunist_innen oder Homosexuelle und andere Menschen aufgrund von Paragraphen verurteilen, die bereits im Nationalsozialismus gegolten hatten. Die alten Nazis aus der Wehrmacht, die noch einige Jahre zuvor einen Vernichtungskrieg organisiert hatten, beteiligten sich am Aufbau der Bundeswehr. Der Vorsitzende der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, hatte sich bis 1945 als „Arisierungsexperte“ und als Mitglied des Aufsichtsrats der „IG-Farben“ einen Namen gemacht. Eben jener „IG-Farben“, die im Konzentrationslager Auschwitz eine Filiale zur Vernichtung durch Arbeit unterhielt. Geheimdienste und Polizei wurden von jenen aufgebaut, die bereits vorher für solche Institutionen gearbeitet hatte. Der frühere Chef des Nazi-Geheimdienst „Fremde Heere Ost“, Reinhard Gehlen, baute den „Bundesnachrichtendienst“ auf. Viele SchreiberInnen und Kulturschaffende konnten auch nach 1945 nahtlos da weitermachen, wo sie 1945 geendet hatten. So erfreute Heinz Rühmann das deutsche Publikum weiterhin mit vielen „Lustspielen“ während Alt-Nazis ihre Biographien veröffentlichten, in denen die Verbrechen der Wehrmacht geleugnet wurden.
Neben diesen biographischen Kontinuitäten, die die Bundesrepublik maßgeblich geprägt haben, wurden auch viele Werte und Normen übernommen, die bereits im Nationalsozialismus vorhanden waren. Noch heute läßt sich dieser Einfluß feststellen. Antisemitismus, Rassismus, Homophobie und ein wahnhafter Antikommunismus prägen bis heute eine Mehrheit der deutschen Gesellschaft.

… von den Enkeln der TäterInnen.
Nach der „Wiedervereinigung“ konnte sich die Bundesrepublik Deutschland zu neuer Größe aufschwingen. Heute definiert sich der Staat und seine Institutionen, in einer scheinheiligen Abgrenzung zum Nationalsozialismus. Während die politischen Kontinuitäten geleugnet, gerechtfertigt oder verschwiegen werden, werden angebliche deutsche Opfer bemüht, um einen Mythos zu huldigen.
Eine ganze Reihe von deutschen Filmen zelebriert diesen deutschen Opfermythos. Ob in „Dresden“ oder auf der „Gustloff“: Die ZuschauerInnen erleben Deutsche, die den Alliierten zum Opfer fallen. Die realen historischen Gegebenheiten werden ausgeblendet; statt dessen dominieren Herz-Schmerz und individuelles Leid. Auf diese Weise wird die Gesellschaft der TäterInnen zum eigentlichen Opfer der Geschichte.
Neben diesem deutschen Opfermythos wird sogar die industrielle Vernichtung der Jüdinnen und Juden mißbraucht, um deutsche Kriegspolitik zu legitimieren. Bereits 1998 führte die Bundesrepublik einen Angriffskrieg gegen den damaligen Staat Jugoslawien, der in dessen Folge zerschlagen wurde. Diesem ersten Angriffskrieg, nach 1945, fielen mehr als 5000 Menschen zum Opfer. Die damalige Bundesregierung hatte diesen Angriffskrieg, mit der angeblichen Existenz von Konzentrationslagern gerechtfertigt und damit Auschwitz verharmlost [6]. Gegen diese „Infamie“ protestierten unter anderem einige Überlebende der Shoah [7], sie sprachen von einer „neuen Auschwitzlüge“ [8]. Teile der deutschen „Friedensbewegung“ schwiegen zu diesem Skandal, um umso vehementer auf die Straße zu gehen, als es gegen den Krieg im Irak oder das militärische Vorgehen der israelischen Armee im Gaza-Streifen ging.

AntisemitInnen.
Das Vorgehen des israelischen Staates, ist immer wieder Vorwand für antisemitische Manifestationen, die auf die Zustimmung breiter Teile der Bevölkerung treffen. Die weit verbreitete Aussage, Juden hätten zu viel Einfluss, halluziniert eine „jüdische Übermacht“ im Verborgenen und steht in der langen Tradition antisemitischer Verschwörungstheorien. Laut einer Umfrage des Instituts „Forsa“ teilen etwa 23% der Deutschen, also gut ein Fünftel, solche Einstellungen (Umfrage von 2003). Doch nicht nur solche offenen antisemitischen Vorurteile erfreuen sich einer großen Beliebtheit.
Viele Deutsche begreifen sich und ihre Vorfahren als die echten Opfer, denen noch immer nicht verziehen wurde, dass sie die Shoah organisierten und durchführten. Die bloße Existenz der Überlebenden der Shoa und ihres Staates erinnert viele Deutsche an die Vernichtungstaten. Deshalb sind die eigentlichen Opfer auch heute Gegenstand antisemitischer Projektionen beziehungsweise sekundär antisemitischer Schuldabwehr.
Solch sekundärer Antisemitismus ist in Deutschland noch viel weiter verbreitet. Da ärgern sich 68% der Deutschen mehr oder weniger darüber, dass „den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten“ werden. Gut 62% haben keine Lust mehr darauf, „immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören“.
Solche antisemitischen Meinungen, sind Nährboden für eine menschenverachtende Praxis. So wurden im Jahr 2008 alleine bis „(…) September bereits 800 antisemitische Straftaten in Deutschland von der Polizei erfasst“ [9].
Aus diesen und anderen Gründen ergibt sich für uns eine Notwendigkeit eine Solidarität mit dem Staat der Shoah-Überlebenden auszuüben und antisemitische Vorurteile zu bekämpfen.

Action is on!
Am 08. Mai werden wir in Oldenburg demonstrieren. Dort wollen wir den Opfern des Nationalsozialismus gedenken, sowie auf dessen militärische Zerschlagung hinweisen. Wir wollen den Alliierten und den Partisan_innen gedenken, deren Kampf gegen die Nazis und ihre „Volksgemeinschaft“ nicht hoch genug zu bewerten ist. Wir wollen aber auch darauf hinweisen, dass die Grundlagen für eine Wiederholung eines groß-deutschen Projektes, mit der Existenz Deutschlands und dessen Ideologie noch immer gegeben sind.
Deutschland abschaffen! Für eine herrschaftsfreie Gesellschaft! Gegen den staatlichen und alltäglichen Rassismus, gegen jeden Sexismus und Antisemitismus!
Des weiteren wollen wir den Sieg der Alliierten gebührend Feiern. Daher wird es eine After-Demo-Party unter dem Motto: „Game over Krauts: Liberation celebration!“ geben. Diese wird am 08. Mai 2009 ab 23 Uhr im autonomen Aktions- und Kommunikationszentrum“ Alhambra statt finden.

[Demontage] Oldenburg # www.demontage.tk #

[1] Wir verwenden den Unterstrich (_), um die vielfältigen Möglichkeiten menschlicher Identitäten jenseits einer dualistischen Geschlechterwahrnehmung deutlich zu machen.
Da der Nationalsozialismus allen Menschen eben dieses absprach und in Form einer ständigen Vernichtungsandrohung sanktionierte, sprechen wir von NationalsozialistInnen. Einen lesenswerten Artikel gibt es bei der AG Gender Killer:
www.gender-killer.de/wissen%20neu/texte%20queer%20kitty.htm – 56k
[2] Auch nach dem 8. Mai starben starben zehntausenden Menschen in Folge der barbarischen Bedingungen in den Lagern; viele Überlebende waren für ihr Leben traumatisiert.
[3] Zur deutschen Ideologie verweisen wir auf unser Flugblatt, dass am 03.01.2009, während einer antifaschistischen Demonstration in Oldenburg, verteilt wurde: http://kipo.blogsport.de/images/3.1.09.pdf
[4] Mit die „Deutschen“ bezeichnen wir die überwiegende Mehrheit der Deutschen, die die Vernichtung an Jüdinnen und Juden überhaupt erst ermöglichte. Der antifaschistische Widerstand blieb marginal und verband mit seinem Kampf oftmals das Ideal des „besseren Deutschlands“.
[5] Herman L. Gremlitza.
[6] Außenminister Joseph Martin Fischer sagte damals: „Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz.“
[7] Vgl.: http://www.friwe.at/jugoslawien/archiv/auschwitz.rtf
[8] „Die erste Auschwitz-Lüge besteht doch darin, überhaupt zu leugnen, daß es Gaskammern gegeben hat. Und die neue Auschwitz-Lüge besteht darin, daß man Auschwitz nicht mehr leugnet, sondern verharmlost und banalisiert.“ Peter Gingold. Vgl.: http://www.dirk-eckert.de/texte.php?id=53
[9] Vgl.: http://kipo.blogsport.de/images/3.1.09.pdf